Eröffnungsrede „Misstraue der Idylle“

Rede zur Ausstellung „Misstraue der Idylle“  von Andrea Wallenta

Es ist 12 Uhr mittags und in unserem idyllischen Weinviertler Ort klingen die Kirchenglocken laut bis in die umliegenden Häuser hinein. Ein eindringliches, ermahnendes Läuten ist das. Ein Klingen gegen den Irrsinn, ein Einfordern der Normalität, ein zeitliches Richtmaß.

In den Häusern wird gelebt, geliebt, gestritten, gekämpft , gearbeitet, verbraucht und missbraucht. Meistens erkennt man an der Fassade nicht wie es innen aussieht, manchmal schon. Meistens ist alles schön und glatt, gepflegt und sauber. So soll es sein.
Ich misstraue der Idylle, erahne die möglichen Abgründe, fürchte die Irrationalität im Mantel der Normalität. Warum? Weil unser Miteinander so ein kompliziertes Konstrukt geworden ist? Weil die Gefahr besteht, dass  Beziehungskonstruktionen wie ein Kartenhaus einbrechen können? Wovor habe ich Angst? Vor der Gier, die uns entmenschlicht.

Die Künstler, die ich zu diesem Ausstellungsprojekt eingeladen habe sind Menschen, die sich nicht scheuen, die Initiative gegen die Unmenschlichkeit zu ergreifen, Sie sind agierende Künstler, die mit ihren Arbeiten eingreifen und sich der Humanität zuwenden.

Ágnes Szabics zum Beispiel arbeitet bevorzugt mit digitalen Fotoarbeiten im öffentlichen Raum. Ihre Bilder und Installationsserien heißen  Survival Exercises. Sie platziert ihre Arbeiten, die meistens auf transparente Folie gedruckt sind, auf Fenster, Glas oder auch U-Bahn Wänden. Das Licht ist ein wichtiger Dialog Partner ihrer sehr vielschichtigen Fotomontagen und Installationen. Wie zuletzt in ihrer Serie für eine Schule für Sehbehinderte Kinder, dort hat sie ihre Abbildungen durch geplottete (ausgestanzte) ertastbare Bilder ergänzt. Diese Methode hat sie nun hier heute fortgesetzt, indem sie einen Dialog mit den ausgestellten Arbeiten eingeht und diese auf sensorische Art und Weise vermitteln möchte. Anfassen ausdrücklich erlaubt!

Bei Karin Frank ist der Tastsinn naturgemäß ein enorm wichtiger in ihrer Arbeit als Bildhauerin. Ihr gelingt es mit ihren Skulpturen in unser Innerstes vorzudringen, diese Arbeiten arbeiten in uns weiter. Sie ist für mich in ihrer kompromisslosen Darstellung des menschlichen Körpers ähnlich frei agierend wie Egon Schiele. Die „Verstrickung“ stellt für mich das Ausgesetztsein an der Sucht oder den Bedürfnissen des eigenen Körpers dar.

Ähnlich verhält es sich auch mit János Szurcsik´s Skulpturen, auch er dringt mit seinen Werken in unser Innerstes, verwirrt uns mit scheinbar ambivalenten Aussagen, die uns aber dann doch zur richtigen Conclusio führen. Das Kriegslamm Jesus warf die Händler aus dem Tempel, sein Motiv war die Suche nach der Liebe und Wahrhaftigkeit, doch das Christentum überwältigte die Neue Welt unter diesem Vorwand mit schier unglaublicher Grausamkeit und Gier. Gier war auch der Antrieb der Kreuzzüge. Janos Szurcsik´s Bootsobjekte behandeln auch das Thema „Orientierungslosigkeit“ und greifen dadurch mit ihren Fragestellungen direkt in unser Weltbild ein.

Jenö Lévay´s Fotoarbeiten leben auch von gegensätzlichen Motiven, die digital vereint worden sind. Die idyllische Schafherde in seiner Arbeit „Tömegszerencse“, übersetzt bedeutet das das Gegenteil von Massenkatastrophe, also Massenbeglückung, diese Schafherde genannt Zwangsbeglückung dringt in historische Gemäuer ein und hinterlässt eine neue tierische Landschaft. Sie nivelliert nach unten.

In der Arbeit „Arteri barokk“ , bedroht das wilde Biest Gier die Schönheit. Bei dieser Arbeit wurde das faszinierende Medium Harmonogram verwendet. Eine digitale Kamera, die Bilder und Bewegungen verzerrt wiedergibt.
Jenö Levay agiert oft auch als Performer, auch ihm ist die bloße zweidimensionale Abbildung nicht genug, auch er will in das Bild eindringen.
Das bewegte Bild ist auch in seiner Videoarbeit „Szürke Felhök“ Graue Wolken mit der Musik von Franz Liszt, Träger einer unheimlichen Botschaft. Für mich stellt es pathologische organische Vorgänge dar, die sich auf die Seele und den Verstand auswirken.

Auch Christa Zauner greift ein. In ihre eigene Fotoarbeiten und in den öffentlichen Raum. Auch sie eine engagierte und empathische Beobachterin ihrer Umwelt, auch ihr ist es nicht genug, bloß abzubilden.
Sie dringt mit ihren Zeichnungen in die Oberfläche der Fotografie ein, schneidet ein, entfernt  Schichten oder gießt sie in Kunstharz ein. Auch sie ist eine Agitatorin.
Bei ihrem Ausstellungsprojekt fe/male 2001 in einer Wiener U-Bahnstation irritierte sie mit ihrer Plakat Intervention über das Thema Androgynität vorüber eilende Passanten. Ihr Ausstellungsprojekt PS-Parolen/Slogans 2010 in Wien befasste sich mit den Auswirkungen der politischen Polemik in der Gesellschaft. Ihre Arbeit Wolfskinder handelt von dem Missbrauch der Wissenschaft und Forschung, der an in der Wildnis aufgefundenen Kindern, betrieben worden ist.
In László Karácsonyi´s Arbeit „deep show“ regiert nach außen hin auch die Idylle, aber „peepen“ sie mal durch das Fenster der Fassade. Laszlo Karácsonyi verwendet oft Spielzeugfiguren oder Figuren aus kommerzieller „Volksbeglückungsfabrikation“, wie bei er Arbeit „Holy Shit“ zum Aufzeigen gesellschaftlicher Pathologien.
Die Röntgenaufnahmen Kuckuck zeigen zuerst László´s Schädel und den dazugehörigen Vogel dazu. Ich mag Lászlós schwarzen Humor.
Der kohlrabenschwarze Singvogel mit dem Nest aus Spielzeugsoldaten ist auch ein trauriger Abgesang an den Glauben der perfekten Idylle.

Wie auch meine Installation „ Interdependent“ , die ein Papierobjekt von mir, entstanden 2009 in Miskolc, zusammen mit Laszlo´s Blumensamenprojektion zeigt. Meine ersten Papierobjekte entstanden 2007 auf dem Landart Symposium „Feenwiese“ Niederösterreich. Dort hingen papierene Kinder- und Frauenkleider in einem Wäldchen. Ich nannte sie „Spirits“ Geister.
Meine Serie „Nester“ untersucht den Begriff Geborgenheit in einer monetär bestimmten Umwelt und wurde 2012 für die Ausstellung“ den blick öffnen“ in Wiener Neustadt angefertigt.

DANKE an Brigitte Lang und Michaela Seif vom Kunstverein Art P, die diese Ausstellung möglich gemacht haben! Sie hatten ein offenes Ohr und offenes Herz für mein Anliegen! DANKE an die mitwirkenden Künstler, großartige Menschen, die mein Thema mit ihren Werken bereichert haben!

 

 

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