Eröffnungsrede zur Ausstellung „Ansichtssache“

von Dr. Monika Schwärzler-Brodesser, Webster Universität Wien

Ansichtssache

In der Ausstellung Ansichtssache spielen drei künstlerische Ansätze wohl überlegt ineinander. Die Künstlerinnen nehmen den Faden der jeweils anderen auf und spinnen ihn weiter, was zu sehr interessanten Verbindungen führt.

Heidrun Widmoser

In den von ihr ausgestellten Bildern geht es um Natur, grüne Natur. Anders als in zentralperspektivisch angelegten Landschaftsbildern, in denen der/die Betrachterin sehr oft ins Bild hineingeführt wird, handelt es sich bei H.W.s Bilder um Ansichten, in denen der Mensch eigentlich draußen gehalten wird. Nichts deutet darauf hin, dass der Mensch in diesen Welten speziell willkommen wäre. Im Gegenteil das Dickicht dieser Gräser scheint des Menschen zu wehren. Die Natur präsentiert sich zur Ansicht, zum Anschauen, nicht jedoch zum Begehen. Und zu sehen gibt es viel, bewegte Gräser, Grüntöne, sich überlagernde Formen, Reflexionen des Lichts auf den Blättern.

H.W. macht zunächst einmal Fotos, Nahaufnahmen von Natur, bearbeitet diese dann am Computer und überträgt dann die entsprechenden Strukturen zeichnerisch auf die Leinwand. Wie sie selbst sagt, ist dieser Akt der Abstraktion die anspruchsvollste, aber anstrengendste Etappe ihrer künstlerischen Produktion. In dieser Phase geht es um das künstlerische und kompositorische Edieren der Fotovorlage. Es geht um die Herausforderung den Wildwuchs des Grases bestehen zu lassen und ihn gleichzeitig künstlerisch zu durchforsten. Sind die Strukturen einmal zeichnerisch übertragen, so sei der Rest eigentlich entspanntes Ausmalen. Aus der Nähe betrachtet, wird die Farbe spürbar und man sieht, dass die scheinbar so exakten Formen an den Rändern leicht ausfransen. Man sieht ihnen den Farbauftrag an.

Wie bereits gesagt, die von H. W. gemalten Gräser zeigen sich, aber verweisen auf nichts als sich selbst. Sie sind einfach da in all ihrer Pracht, aber da jeder Kontext fehlt, kann man sie weder in einen ökologischen Diskurs noch in eine Zweck-Nutzen Relation einspannen. In der von H.W. gewählten Vergrößerung führen sie vor, was unter dem Radar dessen, was wir als sehenswert erachten, auch noch existiert und welche Herausforderung solch eigensinniger Wildwuchs für unser Ordnungsdenken darstellt. Durch die Serienhängung entsteht ein wogendes Gräser Meer und obwohl die einzelnen Ansichten Fragmente sind, scheint alles ohne Anfang und Ende.

Wir lesen Dynamik in diese Bilder hinein, unsere Form der Dynamik, aber möglicherweise gibt es Formen der Bewegtheit, von denen wir uns nichts träumen lassen. Manche dieser Bilder sind wie Lampen, die Licht  speichern oder sogar generieren. Andere haben tief drinnen verborgen so etwas wie einen dunklen Kern, aber auch diese Deutung scheint nur von unseren eigenen Ängsten und Dunkelheiten zu sprechen. Und davon wissen die Gräser nichts.

Martina Tscherni

M.T. hat sich auch der Sichtbarmachung von, in dem Fall, natürlichen Organismen und biologischen Mikrostrukturen verschrieben. Dies geschieht zeichnerisch. Wie sie selbst sagt,  zeichnet sie leidenschaftlich gerne und die ausgestellte Rolle, von denen Sie nur ein Teilstück zu sehen bekommen (die ganze Rolle ist 20 m lang) war für sie eine Art Skizzenbuch. Dabei macht sie sich ganz entspannt auf den Weg. Die modernistische Angst und Panik angesichts des weißen Blattes, auf das es das ultimative Kunstwerk zu setzen gilt, kennt sie nicht. Sie macht sich ans Zeichnen wie man sich auf eine lange Reise begibt, lustvoll, Schritt für Schritt, mit dem Gefühl, viel Raum und Zeit vor sich zu haben.

M.T. erfindet in dem Sinne nichts, sondern sie überträgt, übersetzt, visualisiert. So verhilft sie Moostierchen, Kalkschwämmen, Algen, Organismen, die mit bloßem Auge nicht zu sehen wären, zu Sichtbarkeit, gibt ihnen Umriss und Gestalt. Dabei zeichnet sie meist nach Illustrationen mikroskopischer Aufnahmen, wie sie sich in naturwissenschaftlichen Werken des 19. Jahrhunderts bzw. der Jahrhundertwende finden. Sie zeichnet, konstruiert mit Zirkel und Lineal, lässt manches unausgeführt und beendet anderes. Da der Ansturm dessen, was eigentlich sichtbar zu machen wäre, gigantisch und endlos ist, leistet sie sich den Luxus der Beschränkung. So sind manche Organismen an den Blatträndern angeschnitten und weisen damit über das Blatt hinaus. Durch ihre zeichnerische Zuwendung erhalten manche der Organismen fast eine Art von Individualität und werden zu wiederholt auftretenden Protagonisten ihres „Skizzenbuches“. Andere Formen bleiben blass und im Vorfeld ihrer Sichtbarwerdung stecken. M.T. setzt ihre Formen in der Fläche frei, gewährt ihnen genug Raum zum Erscheinen, leitet sie zu guter Komposition an, lässt sie fliegen, tanzen, entlässt sie aus ihrem naturwissenschaftlichen Illustrationszwang. Dies wird in ihrer Filmanimation besonders deutlich, in der Formen bewegt sind und durch kleine Eigenwilligkeiten  überraschen.

Die Arbeit „Eisstaub (Kryokonit)“ besteht aus drei Schichten. Die erste Ebene bildet eine aus den 50er Jahren stammende Landkarte des Mont Everest Massivs. Darüber wurden am Computer bearbeitete Algenstrukturen gelegt. Diese mikroskopisch winzigen Algen finden sich in den grauen Ablagerungen der Gletscher und lagern sich nun auf dem Bild ab. In einem letzten Arbeitsschritt wurden einige der Algen Formen von M.T. bestickt. Dieses Besticken verleiht ihnen eine Spur von Dreidimensionalität, macht sie schön und bedeutsam und  setzt sie völlig undemokratisch von der Menge der anderen Strukturen ab. Man könnte dieses Bild biographisch lesen, M.T. und ihr Mann waren zweimal am Mont Everest unterwegs, einmal zu Fuß, einmal mit dem Fahrrad oder einfach als weiteren Versuch M.T.s, die Grenzen der Sichtbarkeit zu verschieben.

Sabine Groschup

S.G. arbeitet in einer Vielzahl von Medien. Sie stellt sich in ihrer Installation vielleicht am meisten auf die Beiträge ihrer Kolleginnen ein. So nimmt sie etwa das Thema Grün und Natur auf, praktiziert aber eine ganz andere Herangehensweise als H.W. Für sie ist Natur nicht Ansichtssache, sondern sie macht Natur sinnlich. Gras ist etwas, in das man sich legen kann, das man spürt, das Körpersensationen auslöst, das mit Wärme, Duft. Geräuschen einhergeht. „…sanftes Entzücken in Wiesen ruhen, strecke meine Glieder aus, liege auf dem Rücken, warm die Erde unter mir…“. In ihre fotografische Grün-Serie hat sie menschliche Körperfragmente hineingestickt, ein interessantes Konzept, denn auf der Ebene körperlicher Empfindungen nehmen wir uns nie als Ganzes, sondern immer nur fragmentiert wahr. Das Gras am Fuß kitzelt, die Feuchtigkeit der Wiese steigt den Rücken entlang, im Ohr verstärkt sich das Summen einer Biene, der Arm grenzt an einen Halm, der sticht etc. Auf der Sinnesebene sind wir disintegrierte Wesen, Stückwerk und keine monolithischen Egos.

Wie die Menschen haben es sich auch die S. G.s gestickte Worte im Grün eingenistet. Sie sind im Gras untergetaucht, verstecken sich im Wirrwarr der Grashalme und pochen keineswegs auf ihren Anteil an Rationalität. Sprache tritt hier in kein Konkurrenzverhältnis zum Bild, verhält sich gänzlich undominant und muss stellenweise zu Verstehenszwecken aus dem Bildhintergrund hervorgeholt werden.

Von dieser sinnlichen Erfahrung von Natur ist es natürlich nur ein kleiner Schritt zur Liebe bzw. zum …“liebe, liebe, liebe Dich“ des Bild-Gedichts „Liebesflüstern“, das auch Teil von S.G.s künstlerischer Anordnung ist. Weiters hat sie eine Teppich Simulation von zwei in der Wiese Liegenden geschaffen und dazu ein auf menschliche Maße zugeschnittenes Rasenstück bearbeitet. Die beiden Figuren halten sich an den Händen, könnten Mann und Frau sein oder auch die „Großen Freunde“ von Georg Baselitz. Für deren Repräsentation hat der grüne Teppich Haare lassen müssen und diese Reste dürfen dann wieder „Gras“ bezeichnen.

S. G.s Natur Idyll ist aber bedroht, die Hand ertastet zerbrochenes Glas im Gras. Ihre etwa 1000 teilige Bildprojektion erfolgt vor einem Hintergrund von grauem Asphalt. Aber da tut sich ein Fenster auf, mit Frühling, Blumen, Geselligkeit in der Natur. Es gibt sie also die Ausblicke, den Ausweg aus dem Grau. Man möchte in diese Szenarien abtauchen und als glücklich entspanntes Wesen im nächsten Bild  der Projektion wieder erscheinen.

Monika Schwärzler

 

 

Advertisements

Eine Antwort zu Eröffnungsrede zur Ausstellung „Ansichtssache“

  1. Pingback: Einladung zur Ausstellung “ANSICHTSSACHE” … | artP.kunstverein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s