Essay über Breda Suša

Anlässlich der Vernissage der Ausstellung „VERZEICHNISSE“ wurde ein Essay von Sigrid Eyb-Green durch László Varvasovszky vorgetragen:

Für Breda Suša

von Sigrid Eyb-Green, September 2012

Vom Schaben der Wespen an alten Holzzäunen

Arbeitsbericht aus einer Wunderkammer

Immer beginnt es damit, dass ich nicht herfinde. Bei jedem Atelierbesuch gehe ich zunächst eine Gasse zu weit, kehre wieder um, finde nicht gleich den richtigen Eingang, eile schließlich einen Stock zu hoch hinauf und dann zu weit wieder hinunter, laufe auf der die ganze Seite des Hauses entlanggezogenen Holzveranda an der richtigen Türe vorbei, ehe ich endlich, im Umkehren, in Bredas verwundertes Gesicht blicke. Nicht, dass ich jemals nicht hergefunden und wir uns ernsthaft versäumt hätten. Es scheint nur so, dass ich mich erst einpendeln muss an diesen Ort, der sich auf gewisse Weise entzieht, ohne aber zu verschwinden: er wechselt neckisch die Straßenseite oder wetterwendisch die Himmelsrichtung, verwischt seine Konturen und ist nicht direkt ortbar, so wenig wie die Kunst, die hier entsteht, direkt betretbar ist.

Was nicht sagen soll, sie sei schwer zugänglich – im Gegenteil, die Werke nehmen die Besucherin stets freundlich auf. Nur ist ihnen mitunter eine merkwürdige Unschärfe eigen: durch Reiben von Pigment ins Papier entstehen dunkle Formen mit beunruhigend verschwommenen Grenzen; Überlagerungszustände, an denen das Auge vergeblich nach Halt sucht, nur um sich dann widerstrebend in einer Dämmerungszone einzurichten, unsicher, ob sie als Abdruck einer Präsenz oder als Umriss eines Fehlens zu deuten sei.

Was Wunder, dass man den Ort, an dem solche Bilder entstehen, erst umkreisen und gleichsam mit einiger Mühe fokussieren muss, bevor Zutritt gewährt wird: die Kunst hier hält es nicht anders.

Doch hat man zu guter Letzt hergefunden, betritt man eine Wunderkammer, ein Wohngespinst, ein Lumpenmuseum und Wechselreich. Schon im Vorzimmer stößt man auf die Möglichkeit eines Quallenrückgrats aus durchsichtigen Kunststoffflaschen, auf von Nylonstrumpfgespinsten überzogene Wände, auf Papierschuhe und Büstenhalterskelette.

Den mit ungelenken Schritten um das Atelier gedrehten Runden entsprechen nun die sich drehenden kreisenden Dinge im Innern: tappt hier eines zögerlich seine ersten Wege, hat da eines seinen Schwerpunkt schon gefunden und hängt in größter Gemütsruhe nur so herum. Man hält den Atem an, weil möglicherweise ein von all dieser Entfaltung verursachtes Geräusch vernehmbar sein könnte: wie das leise Schaben der Wespen an alten Holzzäunen in der Stille des heißesten Sommertages. Und inmitten des Großen Schabens schwebt Breda als Dompteurin in papierenen Schuhen und gibt mit dem Kratzen ihres Bleistifts Rhythmus und Richtung all dieser Entwicklungsstränge vor. Mag die Szene auch auf den ersten flüchtigen Blick als verspieltes Treiben erscheinen, so sind doch Material und Technik immer mit Bedacht gewählt, jede Arbeit mit großer Sorgfalt ausgeführt, nichts ist beliebig zusammengefügt. Hausbackene rosa Unterhosen werden zu kleinen Skulpturen von neckischer Erotik und altmodischer Zartheit vernäht, man möchte darin Vulven oder mittelalterliche Damenhauben erkennen, ohne dafür einen eigentlichen Anhaltspunkt zu haben. An der Wand hängen die Gräten eines Regenschirms, präzise in ihrer Position festgelegt, als fröhliche Partitur eines Storchenbeingesangs. In der Fensternische sind durchsichtige Kunststoffschalen gestapelt, noch in ihre zarten Netze gehüllt und solcherart verschleiert, daneben hängen, säuberlich auf Fäden geknüpft, dünne Aluminiumdeckel, in deren Verformungen sich die rasche, unachtsame Geste des Öffnens eingeschrieben hat. Selbst die an den Fenstergriffen aufgehängten vertrockneten Paradeiserstängel sind bedeutungsvolle Zeichen vergangener und Ausgangspunkt neuer Expeditionen. Vieles hier ist noch unfertig, und einiges muss lange warten, bis es weitergeführt wird.

Gemächliche Entfaltungen, zögerliche Umkreisungen und tastende Entladungen sind der Takt des Geschehens, und allem wird reichlich Zeit gewährt.

Pendelte ich anfangs zwischen Straßen, Eingängen und Stiegenhäusern, bis ich hier ankam, schwingt mein Blick nun erst über Aluminiumdeckel und Paradeiserstängel, über schattengleiche Formen und Schirmgestänge zurück zu Aluminiumdeckeln und Unterhosenskulpturen, bevor er schließlich in den beiden Bleistiftzeichnungen einrastet, die vor mir an der Wand montiert sind. Ausgangspunkt für diese Arbeiten war die Verpackung vor langer Zeit verschickter Bilder. Packpapier, mit zweierlei Arten von Klebebändern zusammen gehalten, zerknittert, zerrissen und notdürftig geflickt, kurz, mit allen Spuren eines strapaziösen Lebens voll Nutzen und Verwendung wurde, als es seine Aufgabe erfüllt hatte, für unbestimmte Zwecke und Zeiten aufbewahrt. Viele Jahre lang sollte es dann – und ich möchte mir dazu ein wiederkehrendes Ritual von Entfaltung und Auferstehung vorstellen – bisweilen aus der Schublade geholt und ausgebreitet werden, in all seinem Glanz und Staub, seiner Zerrissenheit und geflickten Würde, mit all seinen Narben und Knickungen bestaunt, um schließlich wieder zusammengefaltet und verstaut zu werden. Solange, bis die Übersetzungsstrategie gefunden war, mit der alle Spuren gesichert, alle Abdrücke kartiert, alle Verschiebungen und Zerbrechlichkeiten erfasst werden konnten: durchsichtige Folie wurde über das Packpapier gelegt und jede Rille Rauheit Furche darauf  verzeichnet. Die Linien des Packpapiers bilden dabei zuweilen ein kräftiges, dann wieder fragiles Gerüst, das von den sich verzweigenden Falten im Papier, seinen Lebenslinien, unterbrochen wird. Die Klebestreifen, einst rasch aufgebracht wo es Not tat, bilden nun Zeichen eines unvollständigen Alphabets des Augenblicks und sind überzogen von Runzeln, den Höhenschichtenlinien nie benannter Gebirge. Rechts von dem Bild hängt, gespiegelt, seine Gegenseite, Vorder- oder Rückseite, sei`s drum, Knicke, Risse vorne wie hinten, Klebeband drückt sich durch. Dieses Verzeichnen der Fährten früherer Handlungen ist ein Abstraktionsverfahren, das seinen eigenen Regeln folgt und eigene Muster schafft, denen sich nicht nur das Packpapier als Spurenträger einschreibt, sondern in denen sich auch die Präsenz der Zeichnerin als Gepräge aus Verdichtungen oder Durchlässigkeiten vermuten lässt.

In dieser Wunderkammer wird seismographisch selbst der Wimpernschatten auf der Wange erfasst, werden die Dellen in  täglichen Verrichtungen, der Tauben Flugscharten und der Gedanken Verwerfungen registriert. Hier wird, was der Tag abwirft, geordnet, abgetastet und zärtlich archiviert: Tablettenblister, Schraubdeckel, Fingernägel, Fleischtassen. Hier werden große Fragen mit Randnotizen beantwortet, die Handlung auf Nebenschauplätze verlegt, die Zeichen an diesen Wänden sind keine flammenden Botschaften.

Deshalb setze deine Schritte zögerlich und nähere dich stets seitwärts tastend nach der Krabben Art; füttere deine Kontaktlinsen den Tauben und falte deinen Stadtplan zum Papierflieger, denn sie werden dir hier nicht von Nutzen sein: die Umrisse werden verschwommen und der Ort eine Vermutung bleiben. Rechne mit langen Aufenthalten, denn die Stunden werden vom Schlag der Augenlider getaktet und Sekt trinkt man hier aus goldrandigen Teetassen, Wasser aus Schusterkugeln.

Nichts Boden- und Gegenständiges wirst du finden, nichts Hand- und Dingfestes, nichts Hausverständliches. Wenn du still hältst, wird die Haut der Träume dein Gesicht streifen, und du wirst es wieder hören: das Kratzen des Bleistifts auf Papier, oder ist es das Schaben der Wespen an alten Holzzäunen.

 

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